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Ohne Titel, Auszug aus dem Verzeichnis der fl?chenbezogenen Nutzungsarten im Liegenschaftskataster u. deren Begriffsbestimmungen (Nutzungsartenverzeichnis) der Arbeitsgemeinschaft der Vermessungsverwaltungen der L?nder der Bundesrepublik Deutschland (AdV)

Magdalena Rude
Ohne Titel, Auszug aus dem Verzeichnis der fl?chenbezogenen Nutzungsarten im Liegenschaftskataster u. deren Begriffsbestimmungen (Nutzungsartenverzeichnis) der Arbeitsgemeinschaft der Vermessungsverwaltungen der L?nder der Bundesrepublik Deutschland (AdV)
  • Magdalena Rude, Installationsansicht Werkleitz Festival 2019 Modell und Ruine, 2019
    ? Werkleitz 2019, Foto: Max Méndez
  • Magdalena Rude, Installationsansicht Werkleitz Festival 2019 Modell und Ruine, 2019
    ? Werkleitz 2019, Foto: Max Méndez

Die Arbeit ?Ohne Titel, Auszug aus dem Verzeichnis der fl?chenbezogenen Nutzungsarten im Liegenschaftskataster und deren Begriffsbestimmungen (Nutzungsartenverzeichnis) der Arbeitsgemeinschaft der Vermessungsverwaltungen der L?nder der Bundesrepublik Deutschland (AdV) von 1991“ von Magdalena Rude tr?gt ihre besondere Qualit?t schon im Titel. Die Audioinstallation listet verschiedene amtliche Kategorien für Fl?chennutzungsarten auf und ist an unsere Vorstellungskraft adressiert. Zu h?ren ist ein abstraktes Modell von Verwaltbarkeit: das Inventar der Gegenst?nde und m?glichen Handlungsweisen, wie sie eine staatliche Beh?rde definiert, die für r?umliche Beziehungen zust?ndig ist. Doch die spr?den begrifflichen Bestimmungen des Bürokratendeutsch weisen über sich selbst hinaus. Es entsteht ein Spannungsverh?ltnis zwischen Beh?rdensprache und Poetik, zwischen Abstraktion und Vorstellung, Begriff und Form.

Interview Magdalena Rude?mit Kristina Tieke

KT: Im Rahmen der Ausstellung Modell und Ruine pr?sentierst du die Audioarbeit Ohne Titel, Auszug aus dem Verzeichnis … (2015). Es werden Fl?chennutzungsarten aufgez?hlt, die für statistische Erhebungen offiziell definiert sind. Zum Beispiel: ?Geb?ude und Freifl?che – Gewerbe und Industrie: Tankstelle“. Oder: ?Geb?ude und Freifl?che – Mischnutzung mit Wohnen: Wohnen mit ?ffentlich“. Das akustische Archiv adressiert die Imagination des Zuh?rers, der vor seinem inneren Auge konkrete Bauwerke und abstrakte Assoziationen aufruft.
Du leitest also einen – wie du es nennst – ?bildhauerischen Prozess“ beim Zuh?rer ein. Kannst du diesen Prozess erl?utern, wie funktioniert er?

MR: Für mich hat dieser Vorstellungsprozess, der beim aktiven H?ren der Begriffe angesto?en wird, etwas Formbildendes: Wenn wir einen Begriff h?ren, wird dieser wie automatisch in unserer Vorstellung geformt, gewisserma?en ?umgesetzt“. Das so in der Imagination Gebildete basiert auf individuellen Erfahrungen. Bei den Fl?chennutzungsarten geht es um Gel?nde, Geb?ude, Vegetation, Gew?sser etc. und damit um Volumen, Form, R?umlichkeit, Materialeigenschaften, Stofflichkeit und andere skulpturale Qualit?ten.

Durch die dichte Folge der Begriffe bekommt der Vorstellungsprozess zwangsl?ufig etwas Flüchtiges und Unscharfes. Bei aufeinanderfolgenden ?hnlichen Begriffen kann z. B. ein Bild in Bewegung geraten, sich immer wieder umformen (?Einzelhaus […] Doppelhaus […] Reihenhaus […] Gruppenhaus […] Hochhaus“). Manchmal habe ich beim H?ren dieser Arbeit auch das Gefühl, im Zug durch die Landschaft zu fahren, als Folge des Nacheinanders der Begriffe.

KT:?Die Arbeit hat lyrische Qualit?t, nicht nur wegen ihrer Redundanzen, Ellipsen und Absurdit?ten. (Herrlich: ?Wohnen mit ?ffentlich“ / ??ffentlich mit Wohnen“). Sie l?sst sich auch in Traditionszusammenh?ngen lesen. Mich erinnert sie an ein Gedicht von Rilke, das anhebt: ?Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. / Sie sprechen alles so deutlich aus: / Und dieses hei?t Hund und jenes hei?t Haus, / und hier ist Beginn und das Ende dort.“ Sprachskepsis und Kritik an unserem gest?rten Verh?ltnis zur Welt, der wir alles Wunderbare austreiben, kommt zum Ausdruck.
Das l?sst sich meines Erachtens auch über Ohne Titel, Auszug aus dem Verzeichnis … sagen. Welche ?sthetischen und kritischen Potenziale schreibst du selbst dem Werk zu?

MR:?In dem Zusammenhang finde ich spannend, was mit den Begriffen dadurch passiert, dass sie aus dem tabellarischen Verzeichnis extrahiert und vom geschriebenen ins gesprochene Wort übersetzt werden. Die Aussprache eines Begriffes ist immer Interpretation. Auch ein nüchternes Sprechen fügt mit Klang, Betonung und Rhythmus Bedeutung hinzu und kann die Begriffe z. B. humoristisch und dramatisch aufladen.

Rilke beschreibt den Akt des Benennens. Der Fokus meiner Arbeit liegt weniger auf diesem Kategorisieren als auf dem umgekehrten Prozess: Die begrenzende und vermeintliche Eindeutigkeit der Begriffskategorien wird zugunsten einer Vielfalt von Vorstellungen wieder aufgel?st. Mich interessiert das Scheitern der Kategorien, das beim H?renden immer neue diffuse Vorstellungen entstehen l?sst.

Die Arbeit entstand erst einmal nicht aus einer prim?r kritischen Haltung gegenüber dem Inhalt oder dem Umgang mit Sprache. Ich gehe an jedes (Ausgangs-)Material mit einer beobachtenden, befragenden und auch neugierigen Haltung heran. Im Fokus steht für mich erst einmal das ?sthetische Interesse am Gegenstand. Erst indem sich die Arbeit im Prozess mehr und mehr zeigt, legt sie neue Aspekte des Materials frei.

Indem wir die Begriffe h?ren, k?nnen wir sie und das, was mit ihnen mitschwingt – Ab- und Eingrenzungen, Macht- und Eigentumsverh?ltnisse – auch befragen und kritisieren.

KT:?In Dessau wird die Arbeit zur Installation. Im Souterrain des Meisterhauses von Moholy-Nagy werden Menschen mit Kopfh?rern auf Betonkuben sitzen und Vorstellungen von R?umen entwerfen, die sich mit den Eindrücken der konkreten Situation mischen. Das Meisterhaus ist heute sowohl ein Hohl- als auch ein Resonanzraum, in dem die Ideale des Bauhauses nachhallen.

Wie wird dieser Kontext die Wahrnehmung des Werks ver?ndern? L?sst es sich auch als Kommentar auf das Bauhaus und seine Folgen verstehen?

MR:?Die Arbeit ist nicht als Kommentar zum Bauhaus oder den neuen Meisterh?usern entstanden. Dennoch habe ich den Ort natürlich sehr bewusst gew?hlt.

Der Raum hat mich aufgrund seines gestalterischen wie inhaltlichen Abstraktionsgrades fasziniert. Die für den Wiederaufbau verantwortlichen Architekten thematisieren mit der Gestaltung der neuen Meisterh?user die Unsch?rfe der Erinnerung: Türen und Fenster werden zu abstrahierten Wand?ffnungen zusammengefasst, Details weggelassen. Meine Arbeit spielt auch mit einer Unsch?rfe, der Unsch?rfe der Vorstellung und nicht der Erinnerung.

Indem sich die Hocker, auf denen die H?renden sitzen werden, auf das Mobiliar des Raumes – die in die W?nde eingelassenen Betonregale – beziehen, versuche ich den Ort nicht zu st?ren, seinen spezifischen Charakter als diesen Hohl- und Resonanzraum, den du beschreibst, zu erhalten. Ich denke, dass sich die Audioarbeit an diesem Ort sehr gut entfalten kann. Gleichzeitig wird vielleicht auch die Architektur von den Besuchenden im Verweilen und H?ren der Arbeit noch einmal anders erfahren.

KT:?Gilt dein künstlerisches Interesse grunds?tzlich dem Zustand der Latenz, in dem Vorhandenes noch nicht (voll) in Erscheinung getreten ist und durch Nuancen von Ver?nderung pl?tzlich sichtbar gemacht werden kann?

MR:?Ja, ich probiere die Dinge unabh?ngig von ihrem prim?ren Nutzen (spannend, dass wir hier über ein Nutzungsartenverzeichnis sprechen) zu betrachten. So kommen Eigenarten des Materials zum Vorschein, die der schon-kennende, kategorisierende Blick erst einmal nicht sehen würde. Ich greife einmal mehr, einmal weniger ein. Vielleicht ist das der Blick, den Rilke beschreibt, wenn er in dem von dir zitierten Gedicht schreibt: ?Die Dinge singen h?r ich so gern.“





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